Dass das Thema „Flucht“ auch Kinder und Jugendliche beschäftigt und bewegt, bewies das Interesse an der Ausstellung „Gesichter und Geschichten“, die im Rahmen des Projektes „Schule ohne Rassismus“ an der Martin-von-Tours-Schule gastierte:  Rund 100 Jugendliche und deren Lehrer/innen setzten sich vom 31. Oktober bis 11. November mit den Schicksalen dreier junger Geflüchteter auseinander. Im großen Prüfungsraum der Sekundarstufe erhielten die Schülerinnen und Schüler Einblicke in die Lebenswege von Tarek, Ali und Muhi Eddin aus Syrien, die ihre Fluchterfahrungen in Form von Tagebüchern, vielen Fotos und Skizzen festgehalten haben. Auf großen Landkarten konnten die Fünft- bis Zehntklässler der Neustädter Gesamtschule die Fluchtwege der drei Syrer, aber auch deren Ängste, Wünsche und Gedanken während der Flucht nachvollziehen. BSJ-Schulsozialarbeiterin  Kathrin Kilian organisierte und begleitete die Ausstellung: „Gerade für Kinder ist das Thema oft noch sehr abstrakt, obwohl sie oft damit konfrontiert werden“, erklärte die Sozialpädagogin. „Es ist wichtig, hier einen geeigneten Zugang zu schaffen.“

Vor dem Hintergrund der Ausstellung entstand auch der Wunsch der Klasse 6a, Flüchtlingen persönlich zu begegnen und mehr über deren Lebensgeschichten zu erfahren: So stellte Kathrin Kilian den Kontakt zu dem 18-jährigen Syrer Ayman her, der am Mittwoch, den 7. Dezember, gemeinsam mit drei Freunden nachmittags die Neustädter Schule besuchte. Fünf Sechstklässler blieben nach ihrem langen Schultag sogar noch freiwillig bis zur zehnten Stunde, um die Flüchtlinge im Alter von 17 und 18 Jahren kennenzulernen: Gebannt lauschten sie in ihrem Klassenraum den Worten von Ismail aus Afghanistan, Awet aus Eritrea sowie Ayman und Mohammed aus Syrien, die sich viel Zeit nahmen, um den Kindern im Atlas ihre Herkunftsländer und Reiserouten zu zeigen. Die Schülerinnen Katharina und Rieke waren beeindruckt von den weiten Strecken, die die jungen Männer mit dem Auto, Flugzeug oder zu Fuß, aber auch auf der gefährlichen Reise mit dem Boot über das Mittelmeer zurückgelegt hatten: „Das kann man sich gar nicht richtig vorstellen!“, fassten sie ihre Eindrücke zusammen. Die 12-jährige Meltem fand es besonders schlimm, dass drei der Jugendlichen ohne Familie nach Deutschland kommen mussten und einer der Jungen seine ganzen Angehörigen im Krieg verloren hat.

Offen, freundlich und selbstbewusst beantworteten die Geflüchteten die Fragen der Neustädter Schüler, erzählten von den Traditionen in ihrem Heimatland und dem, was sie vermissen, aber auch von ihren Zukunftsplänen. Die Jugendlichen, von denen einige schon in ihrer Heimat das Abitur gemacht haben, besuchen derzeit noch die Schule in Kirchhain und lernen nun seit fast einem Jahr Deutsch. Auch sie stellten den Gesamtschülern Fragen und wollten vor allem wissen, wie sie als Geflüchtete von den deutschen Jugendlichen wahrgenommen werden. „Ich habe mir die Jungs irgendwie anders vorgestellt: fremder“, meinte eine 11-jährige Schülerin nach dem Treffen. „Das war ein spannendes Treffen“, zog der Schüler Justin ein Fazit des Nachmittags.

Für alle Interessierten wird die Ausstellung „Gesichter und Geschichten“ vom 30. Januar bis 11. Februar 2017 im Büro der Gemeinwesenarbeit in Neustadt zu sehen sein.

Nadine Kalbfleisch und Kathrin Kilian