Wie fühlt es sich an, im Rollstuhl zu sitzen, nur noch eingeschränkt zu sehen oder sich mit großer Mühe die Schnürsenkel zu binden? Dies erfuhren die Grundschüler sowie die Fünft- und Sechstklässler der Martin-von-Tours-Schule in den vergangenen Wochen, als sie sich mit dem Thema Multiple Sklerose (MS) – der „Krankheit der tausend Gesichter“ – befassten. MS ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu Entzündungen und Vernarbungen des Nervengewebes führt. Die Symptome können äußerst vielfältig sein und umschließen Müdigkeit, Seh- und Sprachstörungen, Zittern oder spastische Versteifungen sowie im schlimmsten Fall völlige Bewegungslosigkeit. Sechstklässler im Rollstuhl unterwegs - kom.
Die MS-Betroffenen Bernd Gökeler, Heike Emmel und Margret Wimmel von der MS-Selbsthilfegruppe Marburg-Biedenkopf, die Lauf-Organisatorin Sylvia Buxmann und die Sozialberaterin Sonja Waschilowski von der MS-Beratungsstelle Kassel hatten mehrfach die Neustädter Integrierte Gesamtschule besucht, um die Klassen 1 bis 6 anschaulich über die Krankheit zu informieren. Sie erklärten den Kindern und Jugendlichen, wie sich die Erkrankung bemerkbar macht und auf den Alltag der Betroffenen auswirkt. Neben biologischen Fakten, die anhand von Schaubildern erläutert wurden, erzählten die MS-Betroffenen kindgerecht und sehr persönlich von ihrem Umgang mit der Krankheit und beantworteten die Fragen der Schüler.

Danach konnten die Jungen und Mädchen anhand eines Sinnes-Parcours erfahren, wie sich die Symptome anfühlen können: Verschiedene Brillen verdeutlichten, wie verschwommen manche MS-Erkrankte sehen; der Lauf auf einer schwankenden Luftmatratze simulierte den MS-typischen Schwindel und verschiedene Hörrohre die veränderte akustische Wahrnehmung. Auch das Schuhe-Binden mit dicken, steifen Handschuhen wurde für die KinWie hören MS-Kranke -kompder zum „Aha“-Erlebnis: „Ganz schön schwierig!“, staunte ein Mädchen beim vierten vergeblichen Versuch.
Obwohl viele Schüler Spaß beim Ausprobieren des Rollstuhls hatten, der für einige MS-Erkrankte zum Alltag gehört, wurden sie auch nachdenklich: „Wie soll ich damit die Treppe hochkommen oder die Tür öffnen?“, wunderte sich ein Zwölfjähriger. Bernd Gökeler sieht damit ein wichtiges Ziel der Schulbesuche erreicht: „Wir möchten auf diese Krankheit aufmerksam machen, das Verständnis für die Situation Betroffener fördern und zu einem Umdenken im öffentlichen Raum aufrufen. Viele Orte sind immer noch nicht barrierefrei!“

Anlass der Schulbesuche der Selbsthilfegruppe war der 14. Neustädter Altstadtlauf, der in diesem Jahr erstmalig als Benefizlauf für MS-Kranke durchgeführt wurde. Auch viele laufbegeisterte Schülerinnen und Schüler der Martin-von-Tours-Schule nahmen an dem „Run for Help“ teil, um durch Sponsoren wie Eltern, Freunde oder Lehrer Spendengelder für die „Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)“ zu sammeln. Mit den Spendengeldern sollen unter anderem Seminare, Fahrdienste, Projekte, Reisen und Ausflüge für MS-Erkrankte mitfinanziert werden. Unter dem Motto „Gesunde Füße laufen für kranke Füße“ konnte pro Kilometer einSchuhe binden unter erschwerten Bedingungen - komp. bestimmter Betrag gespendet werden, der MS-Kranken das Leben im Landkreis erleichtern soll. Die Idee zu dem Sponsorenlauf hatte Schulleiter Volker Schmidt, der den Lauf auch in diesem Jahr wieder für den Sportverein VfL 1864 Neustadt organisierte. Die MS-Selbsthilfegruppe lud er gerne an seine Schule ein, da sie den Kindern vor Augen führte, wofür die Teilnahme am Lauf lohnt und  dass gesunde, sportliche Füße keine Selbstverständlichkeit sind.

Nadine Kalbfleisch